• Frauenverachtende grapschende Antänzer und bürgerliche Biedermänner haben mehr gemeinsam, als man denken mag. Was sie vor allem eint – ist die Blödheit. Denn als blöd kann die hartnäckige Weigerung, die langfristigen Folgen des eigenen Handelns – des übergriffig-kriminellen wie des diskursiven und des politischen – zu überdenken, bezeichnet werden. Warum das für unsere Zivilgesellschaft ein echtes Problem darstellt, zeichnet der 2016 entstandene Essay nach.

    Vor kurzem bemerkte ein Freund, dass Blödheit als neuer Ausweisungsgrund definiert werden sollte. Er bezog sich auf die „Vorkommnisse in Köln“, wie die massenhaften sexuellen Übergriffe in Verbindung mit Diebstählen aus Ermangelung besserer Begriffe vereinfachend genannt werden. Dieser Freund, der selbst einige Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet hat, meinte, er könne sich kaum etwas Widerwärtigeres vorstellen, als das, was an Silvester am Kölner Hauptbahnhof passierte: Dass sich ein alkoholisierter Mob zusammenrottet, um Frauen zu begrapschen, zu bedrängen und auszurauben. Widerwärtig, ekelhaft, dreist sind Adjektive, die sich quasi unmittelbar aufdrängen — aber blöd? Zeugt es nicht sogar von einer ganz perfiden Form der Raffinesse, eines durchaus intelligenten Kalküls, dass sich Täter den Herdenschutz einer amorphen Masse suchen, um ihre Verbrechen zu begehen? Schließich stieg die Zahl der Anzeigen auf über 1000, während die Zahl der ermittelten Verdächtigen gerade mal im zweistelligen Bereich liegt — und die Prognosen der Polizei zur Aufklärungsquote sind insgesamt eher düster. Wenn Köln, wie teils vermutet, tatsächlich für eine neuartige Form von Verbrechen steht, dann doch für eine zwar ekelhafte, aber doch clevere — ein echtes Zukunftsmodell.

    Wie kommt also der Freund dazu, die Täter als nicht nur blöd zu bezeichnen, sondern sogar als dermaßen blöd, dass sie — die wohl mehrheitlich arabischer bzw. nordafrikanischer Herkunft sind — sofort ausgewiesen werden sollten? Nun muss nicht erklärt werden, dass die Eigenschaft der Intelligenz oder eben deren Fehlen wohl kaum als Kriterium dienen kann, über den Verbleib von Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Migranten zu entscheiden. Was mein Gesprächspartner vielmehr kritisierte, war der eklatante Mangel an Weitsicht, am fehlenden Vermögen oder am schlichten Desinteresse, die Folgen des eigenen Handelns zu reflektieren. Will ich damit sagen, dass die Täter von Köln mitverantwortlich sind, wenn nun immer mehr Flüchtlingsunterkünfte brennen? Jein. Entlaste ich damit nicht auf unheilvolle Art und Weise die tatsächlichen Täter, also die brandstiftenden Biedermänner, die sich heute besorgte Bürger nennen und ihre Fragen und Sorgen und Ängste in Molotowcocktails packen? Vielleicht. Doch es sollte eben nicht vergessen werden, dass menschliche Handlungen nicht ausschließlich nach einem strikten Ursache-Wirkungs-Muster ablaufen, sondern immer auch in einen sozialen, kulturellen und diskursiven Rahmen eingebettet sind. Und den haben die Kölner Täter grundlegend, erschreckend grundlegend, verändert.

    Wie kein anderes europäisches Land zeigt die deutsche Flüchtlingspolitik ein humanes und humanitäres Gesicht. Merkels „Wir schaffen das“ ist zum Motto, zum Credo, ja zur Beschwörungsformel des Engagements geworden. Wie kaum ein anderer Satz verkörpert er die Person und die Politik Merkels: nüchtern und pragmatisch, knapp und dezidiert, durchdrungen von Zuversicht und Optimismus. Nicht verhalten oder zögernd (Wir können das schaffen), nicht vertagend (Wir werden das schaffen), sondern: präsentisch und überzeugt. Allerdings — und ich bin keineswegs die erste, die Semantik und Syntax von Merkels Satz aufgreift — eben auch: keinen Raum für Fragen oder Zweifel lassend. Können wir das schaffen? Was, wenn wir es nicht schaffen? — das sind eben die Fragen, die es schon vor Köln gab, die aber durch Köln wie eine Art Katalysator lauter und dringlicher gestellt werden. Und — dank Köln — populistischer, ressentimentgeladener und hasserfüllter.

  • »Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen« ist ja der Leitspruch aller Hobbypegidisten, der im schlimmeren Fall Ausdruck eines hermetischen, allen rationalen Gegenargumenten und Beweisen unzugänglichen Weltbilds ist: Dann gibt es ein politisch-journalistisches Schweigekartell, eine angebliche Verschwörung gegen das „deutsche Volk“, um dessen „Abwicklung“ oder „Abschaffung“ zu verschweigen. Wie jede Verschwörungstheorie hat diese Form der Kommunikation — Argumentation mag man das nicht nennen — den eminenten Vorteil, weder beweisbar zu sein noch beweisbar sein zu müssen; denn alle Beweise werden ja vom Schweigekartell der politischen Elite im Verbund mit der Pinocchiopresse dem getäuschten Volk vorenthalten. So lässt es sich prima fabulieren, angebliche Tabus werden konstruiert, gegen die man dann anrennen kann: „Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen“ ist die vermeintliche heroische Parole der mutigen Nonkonformisten, der Nichtangepassten, der „Widerständler“. Und zugleich ist es der Punkt, an dem Blödheit in Perfidie umschlägt. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn die selbsternannten Tabubrecher nicht tatsächlich die Regeln des Diskurses sukzessive transformierten. Tatsächlich ist es derzeit Parteivorsitzenden möglich, über Schießbefehle an der deutschen Grenze zu schwadronieren. Der Vorsitzende einer Partei, die im Bund in Regierungsverantwortung steht, kann von der deutschen Flüchtlingspolitik als einer Herrschaft des Unrechts sprechen — ohne zu konkretisieren, wie sich die entsprechenden Kabinettsmitglieder seiner Partei in dieser Schreckensherrschaft positionieren. Nun kann Polemik und Provokation ein auch politisch probates Mittel sein, Diskussionen anzustoßen und Entscheidungen zu forcieren. Allerdings wird das politische Marktschreiertum immer mehr zum l’art pour l’art. Offensichtlich geht es manchen Kreisen gar nicht mehr darum, eine ernsthafte Auseinandersetzung zu führen, an deren Ende eine konsensuelle Lösung stehen könnte. Im Mittelpunkt steht die Provokation um ihrer selbst willen, deren Folgen für die politische Willensbildung interessieren nicht mehr.

    Blödheit kann damit als Begriff definiert werden, der eine Handlung beschreibt, die ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren möglichen oder wahrscheinlichen Folgen in einem bestimmten Kontext getätigt wird. So wie die Täter von Köln gehandelt haben, ohne darüber nachzudenken, welche verheerenden Folgen ihre Verbrechen für die Diskussion über den Umgang mit den anhaltend hohen Zahlen an Flüchtlingen hat, so interessiert die rhetorische Demagogik wenig, welche Verrohung der politischen Kultur das Spekulieren über Schüsse auf Flüchtlinge an der deutschen Grenze zeitigt. Blödheit ist damit eine Subkategorie des Bullshits, wie ihn Harry Frankfurt definiert hat: Bullshit bezeichnet Äußerungen, die ohne ein Interesse an der ihnen zugrunde liegenden Wahrheit getätigt werden. Demjenigen, der Bullshit spricht, ist es also egal, ob das, was er sagt, auch eine außersprachliche Realität bezeichnet. Er stellt eine Äußerung in den Raum, die nicht falsifizierbar ist — ohne sich darum zu bekümmern, ob sie falsifizierbar ist. Eine blöde Äußerung geht weiter.

  • Sie spielt ganz bewusst mit der Unmöglichkeit der Falsifizierbarkeit, um den Tabubruch salonfähig machen und hinterher augenzwinkernd sagen zu können, es sei doch alles nicht so schlimm, da doch gar nicht so gemeint gewesen. Das Zurückrudern ist einkalkuliert, weil der momentane Schock, das Aufsehen, die kurzfristig wirkende Empörung über allem steht. Nicht bedacht sind die langfristigen Folgen: die Radikalisierung, die rhetorische wie gedankliche Aufrüstung, die Verrohung in Wort und Tat. Die blöde Äußerung stellt sich außerhalb jeder Ethik des Diskurses, ja selbst jedes Bemühens darum. Ihr fehlt jeder gute Wille, jedes Interesse an einer rationalen Argumentation, an einer ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung sowohl mit Themen als auch mit dem argumentativen und politischen Gegenüber. Die blöde Äußerung ist einseitig — sie erwartet keine ernsthafte Antwort, weil sie an der Meinung des Anderen nicht interessiert ist. Sie ist in erster Linie da um ihrer selbst willen. Erkenntnisgewinn oder Erkenntnisfortschritt ist ihr egal, ja, sie will ihn letztlich verhindern. Sie ist Opium für das Volk, das sie einlullt gerade mit den Mitteln des Schrillen und des Grenzverletzenden. Sie ist gefährlich, weil sie aufpeitscht und beruhigt zugleich. Sie vereint diejenigen, die sich schon immer benachteiligt wähnten und die wohl auch tatsächlich benachteiligt sind. Ihnen erlaubt sie, ihre Sorge und Ängste zu kanalisieren und auf gleichermaßen sachfremde wie bequeme Ursachen zurückzuführen. Sie verhindert, dass mit Vernunft, gutem Willen und langem Atem an den tatsächlich nötigen Lösungen gearbeitet wird: wie die Flüchtlingskrise national wie international zu bewältigen ist; wie diejenigen Migranten, die schon hier sind und aller Voraussicht nach bleiben dürfen und werden integriert werden; wie das vielfach noch auf ehrenamtlicher Basis funktionierende Engagement langfristig in geordnete hoheitliche Strukturen überführt werden kann; wie in internationaler Zusammenarbeit Lösungen erarbeitet werden, um zu verhindern, dass weiterhin Abermillionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen; und ja, auch Lösungen dafür, welche Forderungen die Gesellschaft an die neuen in ihrer Mitte stellen kann und für ein langfristig gelingendes Zusammenleben auch stellen muss.

    In einem von Blödheit dominierten Diskurs ist all das nicht zu erreichen. Wenn sich Politik und Zivilgesellschaft nicht selbst abwickeln wollen, braucht es daher die Anständigen: diejenigen, die Verantwortung für ihre Sprache und ihre Handlungen zu übernehmen bereit sind. Und das heißt auch: die sich den Blöden — ob den grapschenden Antänzern oder dem Mob von Clausnitz und Bautzen, politischen Brandstiftern und den tatsächlichen — entgegenstellt in Wort und Tat. Denn der blöden Äußerung — auch wenn sie selbst keine Antwort erwartet -, muss entgegnet werden, um sie als das zu entlarven, was sie ist: demagogisch und hohl. Die blöde Tat braucht die entschiedene (juristische) Grenzsetzung, damit ihr der Zahn des vermeintlich Folgenlosen gezogen wird.


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