• Kritik am Kapitalismus gibt es solange wie den Kapitalismus selbst. Seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 haben die kritischen Stimmen an Menge und Intensität jedoch unüberhörbar zugenommen. Im Philosophiemagazin Hohe Luft erschien 2016 dagegen ein Artikel des Chefredakteurs Thomas Vašek mit dem Titel »Der Kapitalismus ist ein Humanismus«, der den Kapitalismus zu rehabilitieren versuchte. Diese Spannbreite zwischen harscher Kritik und Rehabilitierungsversuch soll Anlass sein, um über den Kapitalismus nachzudenken.

    1. Was ist »der Kapitalismus«?

    Kapitalismus gehört zu einer Klasse von Begriffen, deren Bedeutung aufgrund ihres Gebrauchs und ihrer Historie unscharf ist. Oftmals wird er synonym verwendet zu Marktwirtschaft oder Liberalismus. Die Frage, was der Kapitalismus sei, ist also gar nicht so einfach zu beantworten. In der Vielzahl von Definitionen, die Fachliteratur und Alltagsverstand hervorgebracht haben, kann man jedoch gemeinsame, wiederkehrende Merkmale erkennen, die dem Kapitalismus wesentlich zu sein scheinen. An drei ausgewählten Definition möchte ich diese Merkmale oder Mechanismen herausarbeiten, die dann als Grundlage für die weitere Betrachtung dienen sollen.

    Wikipedia, die freie Onlineenzyklopädie, schreibt im Rückgriff auf Autoren wie Herbert Matis, Eva Chiapello und Max Weber: 

    »Allgemein wird unter Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Als weitere konstitutive Merkmale werden genannt: die Akkumulation, für manche das Herzstück, Hauptmerkmal und Leitprinzip des Kapitalismus, und das Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb.«[2]

    Klaus Simon von der Akademie für solidarische Ökonomie wendet eine klassische philosophische Methode an: Er zerlegt einfach den Begriff in seine Einzelteile:

    »Kapitalismus ist eine Wirtschaftsordnung. Der Name ist selbsterklärend: Kapital is Muss. […] Kapital wird investiert, um vergrößert zurückzukehren. […] Damit ist das Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise umschrieben. Grundmerkmale sind die Privatverfügung über Kapital (z. B. auch in Form der Produktionsmittel) und die private Aneignung des entstehenden Mehrwerts.«[3]

    Und der Soziologe und ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Wolfgang Streeck definiert den Kapitalismus aus soziologischer Perspektive:

    »Um also entscheiden zu können, ob der Kapitalismus lebt, stirbt oder tot ist, schlage ich vor, ihn als eine moderne Gesellschaft zu definieren, die ihre kollektive Reproduktion als unbeabsichtigte Nebenwirkung individuell rationaler, kompetitiver Profitmaximierung zum Zweck privater Kapitalakkumulation sicherstellt – vermittels eines »Arbeitsprozesses«, der privates Kapital mit kommodifizierter Arbeitskraft kombiniert, um so die Mandevillesche[4] Verheißung der Verwandlung privater Laster in öffentliche Güter wahr werden zu lassen.«[5]

    So unterschiedlich die Definitionen nun auch sein mögen, so lassen sich doch Merkmale ausmachen, die wie Variationen einer Melodie immer wiederkehren:

    • Individuelle Eigentumsrechte, auch und gerade an den Produktionsmitteln
    • Steuerung wirtschaftlicher Aktivitäten über den Markt
    • Streben nach Gewinn
    • Akkumulation von Kapital

    Kapitalismus möchte ich im Folgenden also als eine Wirtschaftsweise verstehen, deren Kern aus den vier destillierten Merkmalen besteht, wobei den letzten beiden Merkmalen, Streben nach Gewinn und Akkumulation von Kapital besondere Bedeutung zukommt.



    [1] Hohe Luft, Ausgabe 01/2016

    [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus

    [3] Simon: Zwickmühle Kapitalismus, S. 13; Tectum Verlag 2014

    [4] Bernard Mandeville, Arzt, Soziologe und Satiriker stellte in seinem Hauptwerk »Der Bienenstock« die These auf, dass private Laster dem Gemeinwohl förderlich sind. Das Werk hat Züge einer Satire. Dennoch sind seine Einflüsse auf den neoliberalen Zweig der Wirtschaftswissenschaften, z. B. im Werk von Friedrich Hayek nicht zu unterschätzen.

    [5] Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? Teil I, S. 109; Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2015

  • 2. Mechanismen des Kapitalismus und ihre Effekte

    2.1. Privateigentum an den Produktionsmitteln

    Privateigentum an den Produktionsmitteln hört sich schwer nach kommunistischer Diktion an. Ist es aber nicht. Das Merkmal beschreibt lediglich einen Zustand, den man in jedem Privatunternehmen vorfindet: Alle Vorrichtungen, um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu produzieren, sind Eigentum des Unternehmens. Weder die im Unternehmen angestellten Personen noch das Gemeinwohl haben Anteil daran. Auch die mit den Produktionsmitteln hergestellten Produkte oder Dienstleistungen sowie deren Erlöse bleiben als Privateigentum in den Händen des Unternehmens. Das Eigentum an den Produktionmitteln produziert also wiederum Eigentum.


    2.2. Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt

    Ein Markt ist erst einmal nur ein Ort, physisch oder virtuell, an dem Produkte oder Leistungen angeboten und nachgefragt werden. Dieses Bündel an Merkmalen sagt noch nichts darüber aus, nach welchen Kriterien Angebot und Nachfrage funktionieren.

    Das Verständnis eines »Marktes« wird im Kapitalismus wesentlich mit dem Mechanismus des Wettbewerbs und der Ausfechtung des Wettbewerbs über den Preis eines Produkt oder einer Dienstleistung geprägt. Unter Wettbewerb versteht man in den Wirtschaftswissenschaften

    »[…] das Streben von mindestens zwei Akteuren (Wirtschaftssubjekten) nach einem Ziel, wobei der höhere Zielerreichungsgrad eines Akteurs einen niedrigeren Zielerreichungsgrad des anderen bedingt.[6]

    Oder einfacher ausgedrückt: Wettbewerb besteht darin, dass der Erfolg des einen zu Lasten des anderen geht. Ersetzt man »Zielerreichungsgrad« durch »ökonomische Chancen«, von denen Thomas Vašek in seinem Artikel in der Hohen Luft spricht, erhält man die folgende Aussage:

    […] das Streben von mindestens zwei Akteuren (Wirtschaftssubjekten) nach Verwirklichung ökonomischer Chancen, wobei die Chancenverwirklichung eines Akteurs die Nichtverwirklichung von Chancen des anderen bedingt.

    Ein nach kapitalistischen Prinzipien funktionierender Markt eröffnet die Verwirklichung ökonomischer Chancen also unter der mephistophelesschen Bedingung, dass im Gegenzug anderen Marktteilnehmern die Chancenverwirklichung genommen wird.


    2.3. Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb

    Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat ein eindeutiges Ziel: Gewinn zu erwirtschaften und diesen Gewinn zu Kapital zu akkumulieren.

    Mit dem Gewinnstreben eröffnet der Kapitalismus, um etwas erhaben mit Kant zu sprechen, die Bedingungen der Möglichkeit individueller ökonomischer Verbesserung. Er stellt eine direkte Verbindung zwischen Systemmechanismus und den Wünschen nach ökonomischer Verbesserung her. Der Wunsch nach ökonomischer Verbesserung kann aus dem System heraus bedient werden. Diese Verbindung macht den Kapitalismus so attraktiv und vermutlich auch so erfolgreich. In anderen Wirtschaftssystemen, wie z. B. der Planwirtschaft, entstehen solche Möglichkeiten nur durch systemfremde Mechanismen, in dem ökonomische Verbesserungen politisch zugeteilt werden. In diesem Sinne sind Design und Konsistenz des Kapitalismus beeindruckend. Dieses beeindruckende Design zeichnet jedoch auch eine gewisse Unbarmherzigkeit aus:

    1. Gewinnstreben tritt in der kapitalistischen Wirtschaftsweise im Verbund mit striktem Wettbewerbsdenken und -handeln auf. Dadurch erhält das Gewinnstreben einen ausschließenden Charakter: Mein Gewinn geht zu Lasten derer, die leer ausgehen.
    2. Gewinnstreben kennt in der kapitalistischen Wirtschaftsweise keine Grenzen – Genügsamkeit (Suffizienz) ist ihm unbekannt. Oder wie es der Soziologe Wolfgang Streeck ausdrückt: »Das kapitalistische Profitstreben kennt kein Ende und kann es nicht kennen. Für die Vorstellung, dass weniger mehr sein könnte, hat eine kapitalistische Gesellschaft kein Verständnis;«[7] In dieser Form bildet das Streben nach Gewinn die Vorstufe zum und den Motor für den nächsten Mechanismus: Der Akkumulation von Kapital.


    2.4. Akkumulation von Kapital

    Den Begriff »Kapital« umweht ein Hauch des Verwerflichen. Man denkt an halbschattige Vermögen, die zum Durchsetzen von Eigeninteressen ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft eingesetzt werden. Den Hauch einmal beiseite geschoben entpuppt sich »Kapital« als ein nüchterner Oberbegriff für die ökonomisch einsetzbaren Werte eines Privatunternehmens. Der Oberbegriff lässt sich grob in Finanzkapital und Sachkapital unterscheiden – neuerdings zählt man auch eine dritte Art, das Humankapital, dazu.

    Ein Gerüstbauunternehmen beispielsweise benötigt Sachkapital in Form von Gerüsten, um seine Dienstleistung anbieten zu können, Humankapital in Form von Menschen, die ihre körperlichen und mentalen Kräfte beim Erzeugen der Dienstleistung zur Verfügung stellen und Finanzkapital in Form von Geld, um z. B. in Sach- und Humankapital investieren zu können.

    Kapital ist der wahr gewordene Traum jeglichen Gewinnstrebens. Wird Gewinn produktiv in Geld,- Sach- oder Humanwerte investiert, baut sich ein mit der Zeit nennenswerter Kapitalstock auf. Man kann Kapital somit als Indikator für erfolgreiches Verhalten im kapitalistischen Wettbewerb ansehen.

    Streng genommen sagt der Begriff »Kapital« noch nichts darüber aus, in welcher Weise über dieses Kapital verfügt wird. Erst die kapitalistische Sichtweise betrachtet Kapital als Eigentum von Privatpersonen oder privaten Körperschaften – was nicht bedeutet, dass dies die einzige Sichtweise sein muss. Man könnte sich Kapital auch durchaus als eine Art Allmende vorstellen, an der alle Mitglieder eines Gemeinwesen teilhaben. Neue Mitglieder des Gemeinwesens, z. B. Migranten, partizipieren durch ihre Mitgliedschaft automatisch an dessen Kapital. Dadurch wird ihnen der Einstieg in ihr neues, von Wünschen nach ökonomischer Verbesserung getragenes Leben, wesentlich vereinfacht.



    [6] Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wettbewerb_(Wirtschaft)

    [7] Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? Teil II, S. 113; Blätter für deutsche und internationale Politik 4/2015

  • 3. Guter oder böser Kapitalismus

    Die Mechanismen des Kapitalismus liegen nun offen vor uns, so dass sich deren Effekte beurteilen und bewerten lassen. Ist der Kapitalismus also, etwas personifizierend gesprochen, gut oder böse?


    3.2. Vom Guten


    3.2.1. Wohlstand

    Ein Kernargument für den Kapitalismus lautet: Der Kapitalismus mehrt unseren Wohlstand. Tatsächlich leben wir in Deutschland heute im Vergleich zu früheren Generationen in einer größeren materiellen Fülle. Unser Alltag hat eine Vielzahl an Komfortfunktionen mehr. Um diese Art Wohlstands zu messen, wird traditionell das Bruttoinlandsprodukt (BIP) herangezogen[8], das in Deutschland seit den 1950er Jahren kontinuierlich gestiegen ist.[9] Das Argument wird also von empirischen Daten gestützt.

    Die Frage ist nur, ob es sich hierbei um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handelt, denn das BIP ist dem Kapitalismus quasi auf den Leib geschneidert.[10] Wenn Wohlstand sich aus der kontinuierlichen Zunahme des BIP ergibt, sozusagen aus dessen Akkumulation und Akkumulation wie wir gesehen haben das Herzstück des Kapitalismus ist, dann fallen beide notwendigerweise zusammen. Das kann einerseits für das bestechende Design des Kapitalismus sprechen. Andererseits drängt sich im Zuge der aktuellen Wohlstandsdiskussion der Gedanke auf, dass das Argument nur so lange funktioniert, wie der Wohlstandsbegriff mit dem BIP korrelliert.


    3.2.2. Frei von Moral

    In seiner Verteidigungsschrift des Kapitalismus legt Thomas Vašek zwei weitere Argumente zugunsten des Kapitalismus vor, die aus meiner Sicht miteinander zusammenhängen. Der Kapitalismus, so das erste Argument, sei frei von Moral.[11] Vašek bezieht sich damit auf die Mechanismen des Kapitalismus selbst, denen, wie im vorangegangenen Abschnitt herausgearbeitet, qua Design Ethik und Moral fremd sind.[12] Ob man mit jemandem ins Geschäft kommt, hängt nicht von moralischen Erwägungen ab, sondern von den Erfolgsaussichten des Geschäfts. Der Kapitalismus eröffnet somit die Chance, sich z. B. unabhängig von Hautfarbe oder religiöser Überzeugung eine ökonomische Existenz aufzubauen. Das, so Vašek, sei gerade für Migranten ein nicht zu unterschätzendes Gut. Ein syrischer Arzt beispielsweise, der aus seiner verheerten Heimat nach Deutschland geflüchtet ist, werde allein aufgrund seiner fachlichen Eignung für eine Arztstelle beurteilt, ohne dass er seine Identität als gläubiger Muslim aufgeben müsse.

    So entsteht aus einem System, das keine Moral kennt, dennoch moralisches Verhalten. Das ist ohne Zweifel faszinierend. Dennoch wird diese Faszination von einem unguten Gefühl begleitet. Denn es lassen sich Situationen konstruieren, die gerade zu einer gegenteiligen Bewertung führen: Ein syrischer Diktator wird mit Waffen beliefert allein aufgrund seiner solventen Situation, ohne dass sein moralisch fragwürdiges Verhalten eine Rolle spielt.



    [8] Das Bruttoinlandsprodukt gibt den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen an, die während eines Jahres in einem Land hergestellt wurden.

    [9] Statistisches Jahrbuch 2009

    [10] Das BIP als Wohlstandsindex ist zunehmender Kritik ausgesetzt, da es nur die Produktion von Gütern und Dienstleistungen betrachtet und so, so die Kritiker, zu einer Engführung des Wohlstandsbegriffs führt.

    [11] Interessanterweise galt bei Adam Smith, dem Vater der modernen Ökonomie, die Wirtschaftslehre noch als Teil der Moralphilosophie.

    [12] Man darf dennoch nicht übersehen, dass die Entscheidung wirtschaftliches Handeln nach kapitalistischen Prinzipien auszurichten, wenn nicht ein Moral-, dann zumindest ein Werturteil darstellt.

  • 3.2.3. Zivilisierende Kraft

    Argument 2 greift einen Faden aus Jürgen Kockas »Geschichte des Kapitalismus« auf. Der Kapitalismus habe sich in sachlicher als auch in sozialer Hinsicht als »gewaltige zivilisatorische Kraft« erwiesen. Sachlich, weil er mit technischen Neuerungen wie Eisenbahn, Telegraphie oder Elektromotoren völlig neue zivilisatorische Möglichkeiten erschloss. Sozial, weil »das intensive Wechselverhältnis zwischen Geschäft und Geselligkeit in Börsen und Kaffeehäusern« den friedlichen Umgang untereinander förderte: »Make business not war« sozusagen.

    Der technische Aspekt ist kaum von der Hand zu weisen. Eine Waschmaschine beispielsweise wurde nicht an der philosophischen Fakultät entwickelt, sondern von findigen Erfindern, die ein Geschäft witterten. Dennoch muss nicht jede Technik, aus der sich ein Geschäft machen lässt, zwangsläufig den zivilsatorischen Standard heben – man denke nur an Big Mac oder SUV. Komplizierter wird es mit dem sozialen Aspekt. Nicht jeder scheint in gleichem Masse in den Genuss der zivilisatorischen Kraft des Kapitalismus zu kommen: Minenarbeiter im Kongo zum Beispiel, Näherinnen in einer Textilfabrik in Bangladesh[13] oder Tiere bei Wiesenhof.

    So schließt sich der Kreis zu Argument 1: Um eine umfängliche zivilisatorische Kraft auszuüben, benötigt ein System etwas, das dem Kapitalismus per definition fehlt: einen moralischen Kern. Wie die Argumente gezeigt haben, können aus den moralfreien Mechanismen des Kapitalismus gute Dinge entstehen. Sie sind jedoch eng geführt (Wohlstand), nicht stabil in dem Sinne, dass sie nicht auch dem Gegenteil »dienstbar gemacht« werden könnten (Moral)[14] oder nicht allen zugänglich (zivilisatorische Kraft).


    3.3. Vom Bösen


    3.3.1. Die Kommodifizierung von everything

    Gewinnstreben und Kapitalakkumulation, die Kernmechanismen des Kapitalismus, realisieren sich durch die Umwandlung von Ressourcen in Geldwerte. Ressourcen können Umwelt, Tiere oder Menschen sein. Der Kapitalismus ist so gesehen eine gewaltige Transformationsmaschine. Er durchdringt die Fundamente unserer Existenz und transformiert sie zu Produkten, Dienstleistungen und letztlich zu Kapital. Diese Transformation wird als Kommodifizierung bezeichnet. Der Kapitalismus kennt in dieser Hinsicht keine Grenzen. Er ist die Kommodifizierung von everything. Alles muss zu Ware werden[15].

    Die Kommodifizierung von Ressourcen ist nicht so offensichtlich böse, wie es beispielsweise das Foltern von Lebewesen ist. Das »Böse« liegt in ihrer Blindheit. Die Verwarung der Welt greift in komplexe Systeme ein, ohne dass sie die Folgen ihres Eingreifens abschätzen kann bzw. blind dafür ist, dass es überhaupt so etwas wie negative Folgen gibt.

    Systemisch betrachtet leben wir als Menschen in drei Sphären:

    • Biosphäre (Leib, Körper)
    • Psychische Sphäre (Seele, Psyche, Geist, Gefühle, Emotionen)
    • Soziale Sphäre (zwischenmenschliche Interaktionen Gemeinschaft, Gesellschaft)

    Alle drei Sphären werden mittlerweile vom Kapitalismus ausgebeutet und zu Waren transformiert. Am offensichtlichsten tritt die negative Seite dieses Prozesses in der Biosphäre auf:

    • Die Verarbeitung und energetische Umwandlung fossiler Stoffe wie Kohle, Öl oder Gas, die »Schmierstoffe der Wirtschaft«, erhöhen die Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre und führen zu einer globalen Veränderung der klimatischen Bedingungen auf der Erde. Die Folge dieser Veränderungen wie Abschmelzen von Gletscher- und Arktiseis, Anstieg des Meeresspiegels, Zunahme von Extremwetterereignissen, Veränderung von Lebensbedingungen für Menschen, Tiere und Pflanzen, Instabilisierung globaler Luft- und Wasserströme wie den Golf- oder Jetstream sind weithin bekannt.
    • Durch den Abbau von Grundstoffen für die Warenherstellung (Wasser, Sand etc.) verschwinden ganze über Jahrmillionen entstandene Gebiete und die damit verbundenen Human- und Ökosysteme. Beispiel Sand: Sand ist nach Wasser und Luft der von Menschen meistverbrauchte Stoff. Ganze Strände verschwinden aufgrund des legalen oder illegalen Sandabbaus. Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen befürchten, dass in nicht mehr ferner Zukunft Strände ein Relikt der Vergangenheit sein werden.[16]
    • Der großflächige Anbau von gewinnbringenden Nutzpflanzen und deren Schutz durch chemische Präparate führt zu einem massiven Artenverlust. Da die Arten in komplexe biologische Subsysteme eingebunden sind, besteht die Gefahr, dass ganze Subsysteme kollabieren. Beispiel Regenwald und Orang Utans: In den letzten 15 Jahren ging die Population der Orang Utans auf Borneo um mehr als die Hälfte zurück. Sie sind mittlerweile akut vom Aussterben bedroht. Grund dafür ist die massive Abholzung des Regenwaldes für den Palmölanbau. Auf Borneo wurde in den letzten 10 Jahren eine Waldfläche von der Größe Bayerns gerodet.[17]



    [13] Nicht zu vergessen die Sklaverei, auf deren Schultern einigen Autoren zufolge der Kapitalismus seinen Siegeszug angetreten hat. http://www.bpb.de/mediathek/230864/adam-smith-und-der-freie-markt

    [14] Verteidiger des Kapitalismus entkräften dieses Argument, in dem sie argumentieren, dass sich die negativen Ausschläge durch Staat und Gesellschaft einhegen ließen. Geregelte Arbeitszeiten oder das Verbot von Kinderarbeit stellen solche Einhegungen dar. Doch wie gegenwärtig Finanz- und Digitalkapitalismus zeigen, scheinen immer wieder neue Bereiche aufzubrechen, die sich der Einhegung entziehen.

    [15] Selbst die unberührte Natur wird zur Ware z. B. des Tourismus.

    [16] Eindringlich beschrieben wird dieser Prozess im Dokumentarfilm »Sand Wars« von Denis Delestrac: http://sand-wars.com/

    [17] Z. B. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/orang-utans-dramatischen-rueckgang-der-menschenaffen-auf-borneo-a-1193655.html

  • Psycho- und Sozialsphären wurden mit dem Beginn des digitalen Zeitalters als Ressource entdeckt. Das kostbare Produkt, was daraus destilliert wird, sind Daten. Plattformen wie Facebook geben sich als soziale Netzwerke aus, sind aber in Wirklichkeit Datensilos, die psychische und soziale Aktivtäten via Interaktionen mit den Plattformschnittstellen aufzeichnen und auswerten. »Facebooknutzer« sind lediglich eine Humanbiomasse, die Daten für Facebooks Geschäftsmodell produziert. Deren Interaktionen werden gelogged (aufgezeichnet), klassifiziert und zu einem Persönlichkeitsprofil verknüpft, auf das sie selbst keinen Zugriff mehr haben. Facebook stellt die Profile, auch bekannt als digitale Schatten, Interessenten gegen Entgeld zur Verfügung. Die Interessenten nehmen anhand der digitalen Schatten Bewertungen vor – ob z. B. jemand kreditwürdig ist oder hohe Krankenkosten verursachen wird.

    Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich aus den digitalen Schatten mit hoher Wahrscheinlichkeit sensible psychosoziale Haltungen und Zustände wie Weltanschauungen, sexuelle Orientieruung oder emotionale Verfassungen vorhersagen lassen. Allein die Menge an ethischen Fragen, die durch die Nutzbarmachung der psychischen und sozialen Sphäre für Gewinnstreben und Kapitalakkumulation aufgeworfen werden, ist noch gar nicht abzusehen.

    Doch auch volkswirtschaftlich können u.a. durch die sogenannten Netzwerkeffekte stark asymmetrische Strukturen entstehen. Die Abhängigkeit von Lieferanten gegenüber Plattformen wie Amazon und deren Verwertung, hat das Zeug Ausmaße anzunehmen, gegen die im Vergleich die gegenwärtigen Zuliefererketten der Automobilindustrie wie nettes Ringelreihen aussehen.[18]

    Das einzige Kriterium, das der Kapitalismus für die Entscheidung, ob eine Ressource zur Ware gemacht werden soll oder nicht, kennt, ist die Aussicht auf Gewinn. Ob die Ressource dabei negativ beeinflusst oder irreversibel geschädigt wird, spielt solange keine Rolle, wie der Gewinn dadurch nicht beeinträchtigt wird. Da der Kapitalismus selbst kein außerweltliches Phänomen ist, zehrt er in letzter Konsequenz die Grundlagen auf, die ihm seine Existenz ermöglichen.


    4.3.2. Akkumulation & Ungleichheit

    Befürworter des Kapitalismus verweisen in ihrer Argumentation gerne auf das Konzept der unsichtbaren Hand, das auf Adam Smiths epochales Werk »Der Wohlstand der Nationen« aus dem 18. Jahrhundert zurückgeht.[19] Das Konzept der unsichtbaren Hand geht davon aus, dass die Summe eigennützigen Handelns gleichzeitig das Glück und die Wohlfahrt aller erhöht. Oder anders formuliert: Das eigennützige Streben nach Gewinn und die eigenützige Akkumulation von Kapital haben die Mehrung des Wohlstands aller als Effekt.

    Oberflächlich betrachtet scheint die Entwicklung des materiellen Wohlstands in den Industrienationen diese Hypothese zu stützen. Thomas Piketty und Co-Autoren zeigen jedoch in ihrer umfassenden Studie »Das Kapital im 21 Jahrhundert«, dass:

    • Der gesamtgesellschaftliche Anstieg des Wohlstands Schwankungen unterliegt.
    • Seit den 1970er Jahren der Gegensatz zwischen Arm und Reich wieder anwächst, so dass bei einer immer größer werdenden Menge an Menschen der materielle Wohlstand stagniert oder sogar abnimmt.

    Dieser Befund wäre auch allein von der Logik kapitalistischer Effekte zu erwarten. Eigenützige Akkumulation führt in der Regel zu einer ungleichen Verteilung von Kapital. Das hat selbst Adam Smith nicht geleugnet. Je größer die Menge an akkumuliertem Kapital jedoch ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass durch Investition des Kapitals auch die Rendite um einen entsprechenden Faktor höher ausfällt – das System der Akkumulierbarkeit scheint sich dann selbst zu verstärken. Man kann diesen Mechanismus als ökonomische Variante des biblischen Matthäus Prinzips betrachten:

    »Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.«[20]

    Der Kapitalismus wird so zu einem System, das aus sich heraus Ungleichheit generiert:

    »Wenn die Kapitalrendite dauerhaft höher ist als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen, was bis zum 19. Jahrhundert der Fall war und im 21. Jahrhundert wieder zur Regel zu werden droht, erzeugt der Kapitalismus automatisch inakzeptable und willkürliche Ungleichheiten, die das Leistungsprinzip, auf dem unsere demokratischen Gesellschaften basieren, radikal infragestellen.«[21]



    [18] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/software-weckruf-behaltet-die-kontrolle-ueber-euer-digitales-ich-15448079.html

    [19] Obwohl Smith dieses Konzept nur an einer Stelle seines Werks erwähnt.

    [20] Mt 25,29 LUT

    [21] Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, S. 10; C.H. Beck 2014

  • 4. Ausblick – Kapitalismus und Transformation

    Wägt man nun »Gut« und »Böse« gegeneinander ab, entsteht das faszinierende Bild einer Wirtschaftsweise, die, um Goethes Faust zu reformulieren, mit dem Guten stets das Böse schafft:

    • Ökonomische Chancen generiert, um sie den einen zu geben und den anderen zu nehmen.
    • Keine Moral kennt und trotzdem moralische Fragen aufwirft.
    • Warenwohlstand erzeugt, um zugleich das Fundament, auf dem jeder Wohlstand fußt, zu zerstören.

    Gerade letzterer Punkt fällt schwer ins Gewicht. Was nützen all die Komfortfunktionen des Lebens, wenn das Leben selbst in Form einer intakten Bio-, Psycho-, und Soziosphäre abgebaut und zu Ware transformiert wurde? Die innere Logik des Kapitalismus lässt eigentlich gar keinen anderen Schluss zu, als dass die Verwarung der Welt solange voranschreitet, bis alle gewinnbringenden Ressourcen aufgebraucht sind. Und dann? Die empirischen Hinweise mehren sich, dass wir mitten auf dem Weg dahin sind.

    Nicht wenige Stimmen sind der Meinung, dass der Kapitalismus wie in der sozialen Marktwirtschaft der deutschen Nachkriegszeit nur wieder durch das Politische eingehegt und dem Gemeinwohl dienstbar gemacht werden müsse. Mich selbst überzeugt dieses Argument nicht. Die Geschichte des Kapitalismus zeigt, dass diese Einhegungen nur von kurzer Dauer sind. Hinzu kommt, dass heute mehr denn je unklar ist, inwieweit sich der Kapitalismus die Politik bereits dienstbar gemacht hat.

    Vielmehr gehe ich mit Autoren wie Harald Welzer[22] überein, dass wir vor einer Zeit der Transformation stehen, nur dass die Transformation nicht mehr Ressourcen zu Waren sondern uns selbst betrifft. Die Transformation besteht darin, unseren Ressourcenverbrauch soweit zu reduzieren, dass die Lebenssphären, in die wir eingebunden sind, intakt bleiben. Der Kapitalismus hat kein Auge und kein Maß dafür. Wir müssen ihn also, so das Ergebnis der Untersuchung von Gut und Böse, überwinden. Welzer zufolge wird diese Transformation so oder so kommen. Wir können jedoch, zumindest jetzt noch, entscheiden, wie sie kommen wird:

    • By design (kontrolliert) oder
    • By disaster (unkontrolliert)

    Aus verschiedenen Richtungen werden bereits neue Ansätze des Wirtschaftens und Lebens ausprobiert. Zu nennen sind hier Ansätze einer Neudefinition des guten Lebens, wie dem Fähigkeitenansatz von Nussbaum/Sen oder dem Buen Vivir der indigenen Bevölkerung der Andenregion, der Bewegung der »Transition Towns« oder Christian Felbers Gemeinwohlökonomie. Die für mich erfolgversprechendste aber auch radikalste Lösung ist die Postwachstumsökonomie, in Deutschland am renommiertesten vertreten durch den Ökonom Nico Paech.[23] Die Postwachstumsökonomie geht davon aus, dass eine Transformation nur dann gelingt, wenn wir uns vom Konzept wirtschaftlichen Wachstums, das wesentlich für den Ressourcenverbrauch verantwortlich ist, verabschieden. Damit einher geht eine radikale Änderung unseres Konsumverhaltens sowie eine partielle Deindustrialisierung der Gesellschaft. Das hört sich nach starkem Tobak an. Tatsächlich wird das Leben in einer postkapitalistischen Welt weniger Komforfunktionen beinhalten, aber dafür vermutlich wieder einen ganzen Strauß neuer, ungeahnter Möglichkeiten.



    [22] Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne, Oekom Verlag (2017)

    [23] Z. B. http://www.postwachstumsoekonomie.de/material/grundzuege/


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