• Zwei Menschen malen auf identische Weise eine Krawatte an. Der eine, Picasso, nennt sein Werk »Laune der Natur«. Der andere, ein Schüler der Sekundarstufe, nennt das seine »Angemalte Krawatte«. Picassos Krawatte wird zu einem Höchstpreis verkauft, die Krawatte des Schülers fällt dagegen bei der Kunstlehrerin durch. Warum ist das so?

    Schwarzer Hase auf schwarzem Quadrat

    An einem grauen Spätwintertag hat der Schützenverein »Deer Hunters« zur jährlichen Kulturfahrt, diesmal ins Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, eingeladen. Was soll man auch sonst in dieser trüben Jahreszeit machen. Vereinsmitglied Hans-Walter Meier steht vor einem Gemälde, das nur aus einem auf einer Ecke stehendem schwarzen Quadrat besteht und betitelt ist mit: Toter Hase. Herr Meier schüttelt verständnislos den Kopf: Das ist doch kein Hase, sondern ein schwarzes Quadrat! In Herrn Meiers Verständnis muss das Gemälde, von dem der Titel besagt, dass es sich irgendwie um einen toten Hasen dreht, auch irgendwie einen toten Hasen zeigen. Der Künstler scheint dagegen nicht unbedingt dieser Meinung gewesen zu sein.

    In diesen beiden konträren Ansichten zum Tote-Hasen-Bild spiegeln sich zwei wesentliche Fragen der Kunstphilosophie und der Erkenntnistheorie wider:
    In welcher Beziehung steht das Kunstwerk zur Wirklichkeit? Bildet es die Wirklichkeit in einer bestimmten Weise ab oder, wenn auch ein schwarzes Quadrat ein toter Hase sein kann, ist die Beziehung zwischen beiden etwas komplizierter?
    Und: Was ist diese »Wirklichkeit« überhaupt?

    Der zweiten Frage nach der Wirklichkeit wird Jäger Meier vermutlich mit dem gleichen Stirnrunzeln begegnen wie dem schwarzen Quadrat als toten Hasen: Es sei doch völlig eindeutig, was wirklich ist und was nicht. Ein erlegter Hase sei wirklich tot, ein gemalter toter Hase sei dagegen nicht einmal ein wirklicher Hase, sondern ein Bild eben. Wenn wir Herrn Meier dann fragten, was denn genau den wirklichen vom gemalten Hasen unterscheide, dann würde er womöglich Eigenschaften wie z.B. ein wirklicher Hase bewegt sich, schlägt Haken und hört mit dem Hakenschlagen auf, wenn ihn meine Kugel getroffen hat, aufzählen. Oder er würde uns Beispiele zeigen. Er würde uns mit auf die Pirsch nehmen und wenn ein Hase am Rand eines Getreidefeldes auftaucht auf ihn zeigen und sagen: Das ist ein Hase. In beiden Fällen übersieht er jedoch, was er da eigentlich tut. In Fall 1 zählt er Eigenschaften auf, die seiner Meinung nach die Wirklichkeit ausmachen. In Fall 2 lehrt er uns seine Unterscheidung zwischen Hase und Bildhase. In beiden Fällen zeigt er uns, wie er die Welt sieht. Man könnte sich jedoch auch andere Sichtweisen vorstellen, z. B. könnte man sich vorstellen, Herrn Meiers Wirklichkeitsauffassung umzukehren und den gemalten Hasen als wirklich und den hakenschlagenden als dessen Bild anzusehen. Nur tauchen hierbei zwei Probleme auf: Man würde aufgrund der gänzlich anderen Praxis der Gesellschaft als seltsamer Vogel betrachtet und, was vielleicht noch schwerwiegender ist, bei Tieren größeren Ausmaßes, wie z. B. Bären oder Löwen, selbst zur Beute werden.

    Was ich am Beispiel von Jäger Meier zeigen will ist: Wenn man herausfinden möchte, in welcher Beziehung ein Kunstwerk zur Wirklichkeit steht, sind nicht nur Kunstwerk und Beziehung sondern auch die Wirklichkeit selbst zu betrachten, und es ist dabei von Vorteil, die üblichen Verdächtigen unter den Wirklichkeitsauffassungen erst einmal an der Seite zu parken. Mit dieser Haltung bleibt das ganze Spektrum an Antworten offen, d. h. man gibt auch der Möglichkeit Raum, dass Kunst und Wirklichkeit in gegenseitigem Einfluss zueinander stehen.

  • Die Entdeckung von Wirklichkeit

    Dem Kulturphilosophen Ernst Cassirer zufolge ist Kunst keine Nachahmung oder eine Abbild einer vor uns liegenden Wirklichkeit. Vielmehr öffnet sie uns Perspektiven und Sichtweisen, die in unserer alltäglichen Wahrnehmung verschlossen bleiben. Sie entdeckt neue Seiten der Wirklichkeit.

    Ein Maler beispielsweise nimmt ästhetisch wahr und bricht damit unser alltägliches Sehen auf. In dieser spezifisch künstlerischen Art der Wahrnehmung entfalten sich neue Möglichkeiten des Sehens. Stellen wir uns dazu eine Landschaft und drei Maler vor. Die Maler haben ihre Staffeleien nebeneinander aufgestellt, sie schauen alle in die gleiche Richtung, so dass sie in etwa den gleichen Ausschnitt von Landschaft vor sich haben. Sodann beginnen sie die vor ihnen liegende Landschaft zu malen. Nachdem sie ihre Bilder fertiggestellt haben, zeigen sie sich gegenseitig ihre Bilder und müssen verblüfft erkennen, dass sie drei völlig unterschiedliche Gemälde der gleichen Landschaft geschaffen haben. Dazu Cassirer:

    »Gleich allen anderen symbolischen Formen ist auch die Kunst keine bloße Nachbildung einer vorgegebenen Wirklichkeit. Sie ist einer der Wege zu einer objektiven Ansicht der Dinge und des menschlichen Lebens. Sie ist nicht Nachahmung, sondern Entdeckung von Wirklichkeit.« [Cassirer: 220]

    Aufgrund seiner besonderen, ästhetischen Art wahrzunehmen, arbeitet ein Künstler in einem sinnlichen Medium (z. B. ein Maler mit Farben auf Leinwand) nicht sichtbare Seiten der Wirklichkeit heraus. Diese Seiten unterscheiden sich von denen, die z. B. ein Physiker untersucht dadurch, dass sie die Dichte und Vielfalt der Wirklichkeit zeigen. Ein Physiker bewegt sich dagegen in gegenläufiger Richtung. Er skelettiert Wirklichkeit, um ihre allgemeinen Gesetzmäßigkeiten hervorzuheben.

    »In der Wissenschaft versuchen wir, die Phänomene bis zu ihren ersten Ursachen, bis zu den allgemeinen Gesetzen und Prinzipien zu verfolgen. In der Kunst versenken wir uns in ihre unmittelbaren Erscheinungen, in ihrer Fülle und Vielfalt.« [Cassirer: 260]

    Trotz ihrer gegenläufigen Weisen auf die Wirklichkeit Bezug zu nehmen, haben Kunst und Wissenschaft doch, so Cassirer, wie alle symbolischen Formen eine gemeinsame Basis: Sie schöpfen alle aus der gleichen Wirklichkeit. Es ist, als wenn wir mit unserer Händen Wasser aus einem großen, unübersehbaren Meer schöpfen: Der eine sieht einen Lichtfunken darin reflektiert, der zweite schmeckt den Salzgehalt des Wassers, ein dritter spürt dessen unendliche Klarheit. Wie das Meer ist uns die Wirklichkeit als ganzes unzugänglich. Wir können sie wie z. B. in der Kunst nur tropfenweise, d. h. in einer bestimmten Perspektive zugänglich und sichtbar machen. In diesem Sinne, als eine Perspektive, als eine Möglichkeit der Beschreibung, nimmt die Kunst Bezug auf eine Wirklichkeit, die wie ein Meer unter allen Beschreibungsweisen rauscht.

    Doch hat das Bild vom Meer einen unbequemen Haken. Jener, der mit seinen Händen aus ihm schöpft, hat einen wenn auch winzigen Teil des Meeres selbst in der Hand. In der Kunst wie auch in allen anderen symbolischen Formen nehmen wir keine Teile aus der Wirklichkeit, sondern das Symbol steht, so Cassirer, zwischen ihr und uns.

    »So sehr hat er der Mensch sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, daß er nichts sehen oder erkennen kann, ohne daß sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe.« [Cassirer: 50]

    Die nächste Frage zur Beziehung zwischen Kunst und Wirklichkeit liegt dann schnell auf der Hand. Auf welche Weise vermittelt dann das Symbol oder die symbolische Form, das Gemälde oder Linien und Farbgestaltung zwischen Künstler und Rezipient auf der einen Seite und der Wirklichkeit auf der anderen Seite? Cassirer spricht davon, dass uns die Künstler innere und äußere Realitäten zeigen:

    »Die großen Maler zeigen uns die Formen der äußeren Dinge; die großen Dramatiker zeigen uns die Formen unserer inneren Realitäten.« [Cassirer: 227]

    An diesem Punkt führt er jedoch nicht weiter aus, wie denn die Welt, die Wirklichkeit »hinter« den Symbolen beschaffen ist. Eine Antwort darauf gibt der amerikanische Philosoph Nelson Goodman: Darüber können wir keine Aussage treffen.

  • Ein entscheidender Unterschied zwischen Cassirer und Goodman besteht darin, dass Goodman auf die Annahme einer Wirklichkeit, die jeder symbolischen Tätigkeit zugrunde liegt, verzichtet. Es geht ihm nicht darum, eine solche Anschauungsweise der Wirklichkeit abzulehnen, sie zu leugnen, ihr jede potentielle Existenz abzusprechen. Wir können nur nichts über sie aussagen, da wir uns nur innerhalb von Beschreibungsweisen, Bezugsrahmen oder symbolischen Akten bewegen können. Wir produzieren in unserem Alltag, in Kunst, Wissenschaft und vielleicht auch in unserer Wahrnehmung stets nur Seiten, Weisen, Versionen von Wirklichkeiten, über die wir nicht hinaus können. Eine ihnen zugrunde liegende Wirklichkeit ist schon dadurch verloren, dass sie als Fundament jenseits jeglicher Sichtweisen läge.

    »[…] und wenn man auch die zugrunde liegende Welt jenseits dieser Versionen gegenüber denen, die daran hängen, nicht abzustreiten braucht, ist diese Welt vielleicht doch eine ganz und gar verlorene.« [Goodman: 16]

    Fragen wir aber hartnäckig nach einer solchen Wirklichkeit, so werden wir, Goodman zufolge, nur Schweigen ernten. Wir können maximal die Beschaffenheit der Bezugsrahmen klären, innerhalb derer wir unsere Wirklichkeitsversionen erzeugen und über diese dann Auskunft geben.

    »Wenn ich nach der Welt frage, kann man mir als Antwort anbieten, wie sie innerhalb eines oder mehrerer Bezugsrahmen beschaffen ist; wenn ich darauf beharre, daß mir gesagt werde, wie sie außerhalb aller Bezugsrahmen sei, was kann man mir dann sagen? Wir sind bei allem, was beschrieben wird, auf Beschreibungsweisen beschränkt. Unser Universum besteht sozusagen aus diesen Weisen und nicht aus einer Welt oder aus Welten.« [Goodman: 15]

    Ist die Wirklichkeit erst einmal abhanden gekommen, ändert sich auch die Richtung, in der Kunstwerke Bezug nehmen. Der Künstler schöpft dann nicht mehr aus dem Meer einer unabsehbaren Wirklichkeit, sondern erzeugt sein Kunstwerk aus dem, was schon an anderen Sichtweisen vorhanden ist. Er verhält sich dabei wie jemand, der ein Puzzle zusammensetzt. Sein Kunstwerk glückt, wenn es sich in die schon vorhandene und miteinander in Bezug stehenden Menge an Kunstwerken einpassen lässt, mit dem kleinen Unterschied dass er sein Puzzleteil, das Kunstwerk, auch selbst herstellen muss, während es der Puzzler bequemer hat und seine für das Puzzle notwendigen Teile schon vor ihm liegen. Somit weist ein Kunstwerk nicht, wie in Cassirers Konzeption, auf reine Formen innerer oder äußerer Realitäten hin, vielmehr nimmt es Bezug zu anderen Kunstwerken, Darstellungen, Beschreibungen, Theorien, Modellen, Anschauungsweisen usw. In der Kunst erzeugen wir, wie in anderen Symbolsystemen auch, aus schon vorhandenen Teilen neue Versionen der Wirklichkeit und fügen diese Teile, Versionen oder Sichtweisen aneinander. Die Beziehungen, die ein Kunstwerk somit eingehen kann sind, nicht die zu einer letzten Wirklichkeit, sondern diejenigen, die wir zwischen ihm und anderen Darstellungs- oder Beschreibungsformen herstellen. Die Frage nach der Beziehung zwischen Kunst und Wirklichkeit ist damit eine zwischen Kunstwerk und anderen von uns erzeugten Wirklichkeitsversionen. Über Beziehungen anderer Natur können wir nichts aussagen.


    Literatur

    CASSIRER, Ernst: Versuch über den Menschen: Einführung in die Philosophie der Kultur. Hamburg: Meiner, 1996.
    GOODMAN, Nelson: Weisen der Welterzeugung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1990.


© 2018 philosurfers