31 MAI 21

6 Min

Adios, Humberto

Am 6. Mai 2021 starb der chilenische Neurobiologe Humberto Romesin Maturana. Seine Forschungen eröffneten eine ganz neue Perspektive auf Lebewesen und die Funktionsweise ihres Nervensystems. Auch in unserem Denken hat er Spuren hinterlassen. Ein persönlicher Nachruf.

Portrait des chilensichen Neurobiologen Humberto Maturana

Foto: unbekannt / Twitter

So fern und doch so nah

Es gibt Menschen, deren Tod geht einem nahe, obwohl man ihnen nie im Leben begegnet ist. Bei mir geschah das am 6. Mai 2021. An diesem Tag starb der chilenische Neurobiologe Humberto Romesin Maturana. Genau genommen erfuhr ich erst einige Tage später auf Wikipedia von diesem Ereignis. ‌Statt:
Humberto Romesin Maturana (﹡ 14. September 1928 in Santiago de Chile) ist ...
stand nun:
Humberto Romesin Maturana (﹡ 14. September 1928 in Santiago de Chile; † 6. Mai 2021) war‌ ....

Ich hatte in letzter Zeit immer wieder einmal einen Blick auf den Wikipediaeintrag geworfen, in dem Bewusstsein, dass es aufgrund von Maturanas hohem Alter jederzeit geschehen konnte – und dass es wohl kaum ein Echo in der deutschen Presse geben werde. So ist es auch dann gekommen: Bis auf einen Artikel von Dirk Baecker in der FAZ starb Humberto Maturana fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit.

Die erste Begegnung

Mit dem Denken Humberto Maturanas kam ich zum ersten Mal 2001 während meines Philosophiestudiums in Kontakt. Ich besuchte einen Studienfreund in seiner Wohnung in der Mainzer Altstadt. Die Wohnung lag über einer Kneipe. Manchmal roch es im Treppenhaus angenehm nach Bier. In der Wohnung ging es hingegen alkoholfrei zu. Unser Rauschmittel war der philosophische Gedanke. Während eines solchen lebhaften Zustands zog mein Studienfreund ein Buch aus dem Regal und hielt es mir hin: Hier, wirf doch mal einen Blick da rein. Das Buch hieß: „Abschied vom Absoluten – Gespräche zum Konstruktivismus” (aktueller Titel: Die Gewissheit der Ungewissheit). Darin führte der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, die konstruktivistische Positionen vertraten, Gespräche – darunter auch Humberto Maturana.

Das Erzeugen von Wirklichkeit

Als ich das Buch las, erfasste mich ein leichter Schwindel. In unserem alltäglichen Denken und Handeln gehen wir unausgesprochen und ganz natürlich davon aus, dass es eine Umwelt gibt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Konstruktivistische Positionen vertreten hingegen die Idee, dass wir nicht passiv die Welt wahrnehmen wie sie ist, sondern ihr erst durch unsere sinnlichen und geistigen Operationen Gestalt geben, sie also gewissermaßen konstruieren. Humberto Maturana beschrieb in seinem Gespräch, wie ihn neurobiologische Forschungen zum Sehvermögen von Fröschen und Tauben zu Schlussfolgerungen brachten, die eine konstruktivistische Position nahelegten: Die Sinnesorgane sind Teil des Nervensystems und die entscheidende Einflussgröße ist nicht der Input einer Außenwelt, sondern es sind die internen Verschaltungen des Systems. Der Milchkaffee vor mir war das Produkt meines Gehirns und nicht eine bloße Sinneswahrnehmung eines Objekts. Das musste ich erst einmal verdauen.

Das Prinzip des Lebens

Neben dem leichten Schwindel spürte ich aber auch ein Gefühl der Erleichterung, als würde sich ein Knoten im Gehirn lösen. Das hat mit einem zweiten Gedanken von Humberto Maturana zu tun: Der Unterschied zwischen einem Lebewesen und einem toten Objekt, beispielsweise einer Maschine. Ein paar Jahre zuvor hatte ich Vorlesungen in Ökologie gehört. Darin ging es um die Frage, wie Leben aus biologischer Sicht definiert werden kann. Die Definition bestand aus einer Liste von Merkmalen wie zum Beispiel Stoffwechsel oder Fortpflanzung. Ich war irritiert, denn die Liste schien per se unvollständig zu sein. Denn je nach Forschungsstand und Perspektive konnten neue Merkmale hinzukommen oder bestehende Merkmale wegfallen. Maturanas Definition bezog sich hingegen nicht auf Merkmale des Lebens sondern auf den grundlegenden molekularen Prozess, der allen Lebewesen gemeinsam ist. Dieser Gedanke war mindblowing: Lebewesen unterscheiden sich von toten Objekten dadurch, dass sie die Bestandteile aus denen sie bestehen, selbst herstellen: zum Beispiel Lipide für die Zellmembran oder Aminosäuren für die DNA. Ein Lebewesen ist demnach ein System, das sich beständig selbst erschafft. Diesen Prozess der beständigen Selbsterschaffung nannte Humberto Maturana Autopoiesis. In seinen Worten:

„Das Wort ‚Autopoiesis’ ist ein griechisches Wort. Genauer gesagt, es ist ein von mir erfundenes neues griechisches Wort. Es setzt sich aus den zwei Begriffen ‚autos’ (was ‚selbst’ heißt) und ‚poiein’ (was ‚produzieren’ oder ‚erschaffen’ heißt) zusammen. [...] Dieses Wort ‚Autopoiesis’ schlug ich zur Bezeichnung derjenigen Systeme vor, die sich dadurch auszeichnen, daß sie Netzwerke der Produktion ihrer Komponenten sind. Das Netzwerk ist dabei zugleich das Ergebnis der Produktion der Komponenten.”

Autopoiesis zeigt sich zum Beispiel in der Fähigkeit von Lebewesen zur Selbstheilung. Wenn wir gegen einen Laternenpfahl laufen, müssen wir nicht von einem Mechaniker ausgebeult und neu lackiert werden. Die Prellungen sind nach ein, zwei Wochen verschwunden und auf den Abschürfstellen hat sich von selbst neue Haut gebildet. Laufen wir hingegen so heftig gegen den Laternenpfahl, dass wir uns tödliche Kopfverletzungen zuziehen, bricht die Autopoiese und damit auch die Fähigkeit zur Selbstheilung zusammen. Dieser Gegensatz – entweder Selbstheilung oder Tod – weist auf ein wesentliches Merkmal der Autopoiese hin: Sie macht Lebewesen zu geschlossenen Systemen, d.h. die Produktion ihrer Bestandteile – auch die zur Selbstheilung – ist ein in sich geschlossener Prozess, der nicht durch äußere Einwirkungen beeinflusst werden kann. Äußere Einwirkungen haben entweder keinen Einfluss oder sie führen zum Zusammenbruch des Produktionsprozesses, also zum Tod des Lebewesens.

Den Gedanken der Autopoiesis hat Humberto Maturana in den 1970er Jahren mit seinem Schüler und Ko-Autor Francisco Varela in mehreren Aufsätzen entfaltet und damit einen wichtigen Beitrag zur systemischen Betrachtung von Lebewesen und ihrer Umwelt geleistet.

Ein Semester im Labyrinth

Nach der Lektüre des Gesprächsbands machte ich zunächst einen Bogen um Maturanas Texte. Sie waren und sind hartes Brot – begrifflich und in ihrer Argumentation schwer zugänglich, als ob sie den geschlossenen Charakter der Autopoiesis sprachlich nachbilden wollten. Stattdessen hielt ich mich zuerst an Francisco Varela, der nach der Zusammenarbeit mit Maturana eine eigene Theorie des Erkennens entwickelte. Schließlich wagte ich mich aber doch an Maturanas Werk – im Rahmen meiner Magisterarbeit. Mit einem trauernden Auge. Denn Francisco Varela war gerade einmal im Alter von 54 Jahren an Leberkrebs gestorben. In der Philosophie hat man es mit vielen toten Menschen (Philosophen) und toten Sprachen (Latein, Griechisch) zu tun. Das fand ich irgendwie absurd. Denn das Gründungsmoment der abendländischen Philosophie durch Sokrates vor 2500 Jahren bestand ja gerade darin, das Gespräch mit lebenden Menschen zu suchen. Bei Humberto Maturana bestand zumindest theoretisch die Möglichkeit in einer lebenden Sprache ins Gespräch zu kommen. Mein Betreuer, bei dem ich die Arbeit schrieb, hatte Maturana selbst in einer Veranstaltung erlebt – worum ich ihn noch heute beneide.

Ein Semester lang durfte ich mit dem Werk Humberto Maturanas ringen. Am Ende, nach 99 Seiten und 100 Fußnoten, hatte das Werk gewonnen. Und ich eine okaye Benotung erhalten. Vor einigen Tagen habe ich die Magisterarbeit nach längerem Suchen wieder hervorgeholt. Beim Durchblättern hatte ich den Eindruck, als sei vor lauter Bergwerksarbeit im Maturanaschen Labyrinth das kreative Weiterdenken seiner Ideen ein wenig auf der Strecke geblieben. Was schade ist, denn das Konzept der Autopoiese könnte einige interessante Anknüpfungspunkte bieten. Zum Beispiel frage ich mich, ob sich nicht eine Verbindung zur Ethik ziehen lässt. Das könnte auf der Ebene von Werten geschehen: Wenn wir Autopoiesis, das Grundprinzip des Lebens, als fundamentalen Wert betrachten, dann müssen wir folglich allen Lebewesen mit Wertschätzung entgegentreten. Damit hätten wir eine auf Ethik beruhende Basis, um beispielsweise dem immensen Artensterben entgegenzuwirken – als dessen wesentlicher Treiber die Zerstörung von Lebensräumen durch den Menschen gilt. Ein wertschätzendes Verhalten gegenüber allen Lebewesen hätte bestimmt auch Humberto Maturana erfreut – als Biologe und als Mensch.

Humberto Romesin Maturana ist im gesegneten Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt Santiago de Chile an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er hat seinen Schüler, Ko-Autor und Kollegen Francisco Varela um 20 Jahre überlebt. Sie werden sich nun viel zu erzählen haben.


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