• Der menschliche Geist wird als neuronaler Computer betrachtet, der durch komplex verschaltete Nervenzellen Erkenntnisse über die Welt gewinnt. In Kontrast dazu steht unsere alltägliche Erfahrung, von der Flut an Informationen überfordert zu sein – was völlig computeruntypisch ist. Ist die Computermetapher irreführend und wir brauchen ein neues Bild vom menschlichen Geist? Aber welches? Aus einer unerwarteten Richtung kommt Hilfe: von der Musik.

    Metaphern aus der Denkfabrik

    Die Philosophie des Geistes gleicht einem sauberen aber grauem Gebäude aus Waschbeton. Von außen gibt es sich den Anschein klarer, analytischer Präzision, innen aber herrscht eine gewisse Unübersichtlichkeit vor. An farblosen Gedankenarbeitsplätzen sitzen Männer in weißen Kitteln und bauen an ihren Metaphern des menschlichen Geistes. Sie machen ihn zu einer Repräsentationsvorrichtung, vergleichen ihn mit der Prozessoreinheit eines Computers oder betrachten ihn als Kollateralphänomen neuronaler Aktivitäten. An jedem Arbeitsplatz wird an einer anderen Metapher gefeilt, manche unterscheiden sich nur im Detail, andere scheinen kaum etwas miteinander gemein zu haben. Obwohl das Gebäude bodentiefe Fenster hat, schaut keiner der Männer jemals nach draußen. Sie halten ihre Köpfe gedankenschwer über ihre Metaphern gesenkt, heben sie nur hin und wieder an, um dem Denknachbarn über einen Mangel an seiner Metapher aufzuklären. Das Licht von draußen stört eher nur. Die wenigen tanzenden Farbpunkte besudeln die Reinheit des eigenen Denkens. Denn so verschieden die unzählig erdachten Metaphern auch sein mögen, eins haben sie doch gemeinsam: Sie sind waschbetongrau wie das Gebäude selbst, in dem sie erdacht werden. Die Luft darin ist leicht stickig. Man hat das Gefühl, dass etwas Durchzug und frische Luft dem Gebäude und seinen Bewohnern gut täte. Das Licht tanzt gerade besonders unstet, die Metaphern scheinen in dem Geflimmer und Geflatter zu verschwinden, da fliegen plötzlich alle Fenster und Türen auf. Zuerst stürzt der Wind herein und wirbelt alle fein aufeinandergestapelten Gedanken durcheinander, dann kommen die Vögel: Myriaden von Vögeln in Myriaden von Federfarben. Sie fliegen wild und unvorhersehbar durcheinander, kreischen in unvorstellbar vielen Vogelzungen. Die Männer in den weißen Kitteln kriechen verstört und überfordert unter ihre Gedankenarbeitsplätze: Ein Zustand des Geistes, den sie bisher in ihren Forschungen übersehen haben. Und davon handelt Aviary, das neue Album der amerikanischen Musikerin Julia Holter.

    Die Überforderung des Geistes

    »Aviary« bedeutet im Deutschen »Voliere«. Holter bezieht sich mit diesem Titel auf eine Satz der libanesischen Schriftstellerin und Künstlerin Etel Adnan: »Ich befand mich in einer Voliere voller kreischender Vögel.«

    Diesen Satz weitet sie zu einer neuartigen Metapher aus: Der menschliche Geist ist eine Voliere, die von kreischenden Vögeln bewohnt wird. Das war nicht immer so. Für eine lange Zeit zwitscherten die Vögel außerhalb der Voliere. Wir hörten ihnen zu und versuchten zu verstehen, was sie uns von der Außenwelt erzählten. Doch mit dem Eintritt in das digitale Zeitalter, in dem die Anzahl der Informationskanäle explodierte und Social Media Plattformen uns mit personalisierten Nachrichtenstreams aus einer obskur werdenden Welt versorgen, hob das Vogelzwitschern zu einem kakophonischen Kreischen an. Wer Ohren hat, der höre und wer einen Verstand hat, der versucht zu verstehen. Doch die schiere Menge an Stimmen überwältigt jede bisher als tauglich erachtete Verstandesoperation. Der menschliche Geist gleicht sich seiner Umgebung an, er ahmt ungewollt das Vogelkreischen nach, bis an seinen Außenrändern goldene Stäbe entstehen und in seinem Innern die kreischenden Vögel leibhaftig werden. Die Kakophonie der Welt wird zu Kakophonie des Geistes. Holter findet darin das Leitmotiv ihres Albums. Aviary ist »eine Reise in die Kakophonie des Geistes in einer sich auflösenden Welt.« Die Kakophonie, das vielstimmige Vogelkreischen, stellt aber nur ein Symptom dar, das auf etwas anderes, tiefliegenderes hinweist: auf die vollständige Überforderung unseres Geistes gegenüber der disonanten Vielstimmigkeit der Welt. Ist der menschengemachte Klimawandel vielleicht doch eine Erfindung der Chinesen, um unserer Wirtschaft zu schaden? Warum sollten die Flüchtlinge nicht von den Mullahs geschickt worden sein, um unsere christlich-abendländische Kultur zu zerstören? Und wo ist eigentlich der Beweis dafür, dass Hillary Clinton nicht einem Kinderhändlerring vorsteht? Wer eine neue Aufklärung fordert, hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt: Was bringt ein selbständiges Denken, wenn es in selbstverschuldeter Überforderung endet?

    Aviary ist die klangliche Aufarbeitung dieser Überforderung.

  • Klangliche Aufarbeitung

    Es beginnt mit wilden Trommel- und Streicherschlägen. Aus deren Mitte erhebt sich Holters Stimme und singt langsam aber stetig ansteigend gegen den Klangsturm um sie herum an, bis am Ende alles in einem Tumult in sich zusammenfällt. Turn the light on, die Vögel sind da. 

    Im Mittelalter galten Vögel als Symbole für unsere Erinnerungen. Wie Vögel die Lüfte, bevölkern Erinnerungen unser Bewusstsein. Das ist die zweite Ebene von Aviary. Zwischen das Kreischen der Gegenwart schieben sich die Erinnerungen aus der Vergangenheit – wie es früher einmal war. Manche Erinnerungen reichen tief in die Vergangenheit zurück. Die Hysterie der Gegenwart verschwindet im tiefen Strom der Zeit. Die Musik wird dann ruhig, flächig, äonenalt, Holter singt auf Latein oder in lateinähnlichen Worten: »Voce simul consona obviosa obliviosa deliriosa«. Überhaupt die Worte – auf Aviary werden sie als reines Klangelement eingesetzt – sie sind von jeder Semantik befreit. Eine konsequente Entscheidung: Wenn in der täglichen Aufregungsmaschine die Bedeutung von Worten und Sätzen hohl dreht, entzieht man sie am besten jeglicher linguistischer Strukturen. Oder gibt es eine bessere Antwort auf die Phrasen der Bullshitter als die herumhüpfenden »Unsinns-Ich-Sätze« in »Les jeux to you«: »I see I no I yes I you I ace I hi I say I low I run I fall I can I true I fool I fog I bad I blue I knew I can I blood I food I grow I eyes I shirt I mind I room I si I tho I sex I jeu I nice I hey I ay I show I fun I tall I man I knew I cool I bog I sad I clue I blew I van I mud I nude I throw I wise I curt I find I neume«?

    Von derartigen Ausflügen in den fröhlichen Unsinn abgesehen, herrschen auf Aviary flächige, detailreiche Arrangements vor: Chaitius beginnt wie eine zeitgenössische Komposition für Streichorchester, bevor es sich in der zweiten Hälfte zu einem Ambient-Pop-Stück verpuppt. Den Verpuppungsprozess begleiten elektronisch gehächselte Worte, so wie man sie auch aus eigenen Gedankenfetzen kennt: »Joy, joy, I feel so … joy.«

    Den Höhepunkt der Kakophonie erreicht Aviary mit »Everyday is an Emergency«. Der Titel ist Programm. Blasintrumente jeglicher Art, von der Oboe bis zum Dudelsack, geben scheinbar unkontrolliert dissonante Signaltöne von sich. Auch wenn das schwere Kost ist, es lohnt sich durchzuhalten. Tatsächlich verschwindet die Kakophonie nach endlosen vier Minuten und wird durch eine monochrome Synthesizerfläche ersetzt. Darauf setzt Holters sphärischer Gesang ein: Selten war Erleichterung schöner. 

    Am Ende der Welt

    Wenn der letzte Ton aus der Voliere verklungen ist, fühlt man sich tatsächlich wie am Ende einer Reise. Neunzig Minuten lang hat man dem Klang des menschlichen Geistes zugehört, seiner Überforderung gegenüber einer permanent auf Lautsprecher gestellten Welt, den auf- und abtauchenden Erinnerungen aus einer anderen Zeit, der Einsicht, dass die Männer in den weißen Kitteln mit ihren Metaphern völlig falsch liegen. Aviary zeigt, dass Computeranalogien oder die Annahme eines Homo Oeconomicus, der ausschließlich rationale und eigennützige Entscheidungen trifft, eine unzulässige Vulgarisierung des menschlichen Geistes darstellen.

    Probieren Sie es selbst aus: Gehen sie in die Natur, am besten an eins der Weltenden, wo kein Verkehr und Menschensummen mehr hörbar ist. Legen Sie Ihr Smartphone an einer Biegung des Weges ab. Verwischen Sie alle Spuren, auf denen Influencer Ihnen folgen könnten. Schminken Sie sich ab – reiben Sie besonders sorgfältig das beständige Streben nach Effizienz und Produktivität aus Ihrem Kopf. Lauschen Sie im Wald oder auf einer Lichtung angekommen den Original-Vögeln – sie kreischen selten, meist zwitschern, fiepen und trällern sie. Spüren Sie die Fäden, die aus Ihnen herauswachsen und sich mit der Natur, mit etwas Größerem verbinden. Oder um es mit Holters Spoken Word Lyrics zu Beginn von »I shall love 2« zu sagen: »That is all, that is all. There is nothing else.« 

    Aviary ist vieles: ein mäandernder Klangstrom, eine eigenwillige Popkathedrale, doch es ist vor allem eins: Ein Meilenstein in der Philosophie des Geistes. Die Peer-Reviewer von »Mind« wird’s freuen.

    Julia Holter: Aviary
    Erschienen am 26.10.2018 auf Domino Records
    Anhörbar auf: juliaholter.bandcamp.com


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